Was sich beim Übergang ändert
Fütterung
Auf der Weide nehmen Pferde 8-15 Stunden täglich Frischgras auf — ein Dauer-Fressen mit hoher Speichelproduktion und kontinuierlicher Verdauung. Im Stall gibt es feste Heu-Mahlzeiten, oft mit längeren Pausen dazwischen. Folge:
- Magenschleimhaut wird durch lange Fastenperioden belastet (Magengeschwür-Risiko)
- Darmflora muss sich umstellen — Gas-Kolik-Risiko erhöht
- Wasseraufnahme verändert sich (Gras enthält 70-80 % Wasser, Heu nur 10-15 %)
- Energiedichte unterschiedlich — Heu liefert weniger Energie pro kg
Bewegung
Auf der Weide bewegen sich Pferde frei — Gallop-Sequenzen, Rangkämpfe, Spielen. In der Box steht das Pferd 18-22 Stunden auf wenigen Quadratmetern. Folge:
- Steifheit und Gelenkprobleme bei plötzlicher Bewegungsreduktion
- Atemwege durch Stallluft belastet (Staub, Ammoniak)
- Stoffwechsel verlangsamt → erhöhtes Kolik-Risiko
- Mentale Belastung, ggf. Stereotypien (Weben, Koppen, Boxlaufen)
Sozialleben
Auf der Weide leben Pferde in Gruppen, mit Rangordnung und engem Körperkontakt. In Boxen sind Sozialkontakte stark eingeschränkt — Sicht, Geruch, vielleicht Berührung über Boxengitter. Stress und Frustration entstehen.
Schrittweise Umstellung — der ideale Plan
2-3 Wochen vor der Aufstallung
- Heu-Beigabe auf der Weide: Heuraufen aufstellen, damit das Pferd schon vor der Aufstallung Heu kennt und frisst. Erleichtert Umstellung der Darmflora.
- Tierarzt-Termin: Routine-Check, ggf. Wurmkur (siehe Wurmkur-Artikel), Impf-Status prüfen.
- Hufschmied: ggf. Hufeisen abnehmen oder anpassen, da im Winter andere Belastung als im Sommer.
Aufstallungs-Tag
- Pferd vorher Bewegung gönnen: Spaziergang, Schritt-Reiten, damit der Stoffwechsel angeregt ist.
- Box vorbereiten: sauber, frische Einstreu, Heu und Wasser bereit.
- Sozialer Anschluss: Pferd in Box neben einem bekannten Boxennachbarn — kein fremder Boxennachbar in der Stress-Phase.
- Heumenge anpassen: erste Tage etwas mehr Heu, weniger Kraftfutter.
Erste 2 Wochen
- Tägliche Bewegung: mindestens 2-3 Stunden pro Tag — Paddock, Reithalle, Reiten, Schrittführen. Box-Stehen reduzieren.
- Engmaschige Beobachtung: Kotabsatz (Häufigkeit, Konsistenz), Wasseraufnahme, Verhalten, Lahmheit.
- Kraftfutter schrittweise einführen: wenn nötig, erst nach 7-10 Tagen wieder volle Ration.
- Stallklima beobachten: bei Husten oder Atembeschwerden sofort umstellen — nasse Heu, andere Einstreu.
Typische Probleme der Übergangsphase
Kolik
Häufigste Komplikation bei abrupter Aufstallung. Ursache: Wechsel der Darmflora, weniger Wasseraufnahme, Stress. Symptome wie bei akuter Kolik. Prophylaxe: schrittweise Umstellung, Wasserkontrolle, viel Bewegung. Mehr in unserer Kolik-Saison-Winter-Übersicht.
Atemwegserkrankungen
Stallluft mit Staub und Ammoniak führt häufig zu akutem oder chronischem Husten. Prophylaxe: Heu wässern, gut mistende Einstreu, gute Lüftung. Bei Husten: Tierarzt, ggf. Heu bedampfen. Mehr im Husten-Winter-Artikel.
Stereotypien (Weben, Koppen, Boxlaufen)
Bei mental nicht ausreichend ausgelasteten Pferden entwickeln sich Stereotypien — wiederholte, sinnlose Bewegungsmuster. Wenn sie sich einmal etabliert haben, sind sie schwer abzustellen. Prophylaxe: ausreichend Bewegung, Sozialkontakt, Beschäftigung (Heunetze, Spielzeug).
Magengeschwür
Lange Pausen zwischen Mahlzeiten, Stress und Kraftfutter ohne ausreichend Heu davor → Magenschleimhaut wird angegriffen. Symptome: verminderter Appetit, Speicheln, Verhaltensänderung beim Reiten, Sattel-Empfindlichkeit. Diagnostik per Magenspiegelung. Therapie mit Säureblockern (Omeprazol). Prophylaxe: kein Pferd hungrig in die Belastung, Heu vor Kraftfutter.
Hufprobleme
Auf weichem Weideboden zur harten Stallgasse — Hufmechanik ändert sich. Bei Pferden mit Hufrollen-Disposition kann der Übergang Lahmheit auslösen. Hufschmied vorher konsultieren.
Gewichtsschwankungen
- Gewichtsverlust: wenn die Heuration zu knapp ist oder das Pferd das Heu schlecht annimmt.
- Gewichtszunahme: wenn Bewegung reduziert wird, aber Kraftfutter gleich bleibt — vor allem bei „leichtfuttrigen" Pferden (Robust-Rassen).
Stallhaltungs-Formen — was ist artgerecht?
- Innenbox ohne Außenkontakt: minimale Form, oft unzureichend für längere Aufstallung.
- Innenbox mit Paddock-Zugang: deutlich besser — Pferd kann frisch atmen und Bewegung haben.
- Außenbox / Paddock-Box: Box mit direktem Zugang ins Freie. Sehr gut für die Atemwege.
- Aktivstall / Offenstall: Pferde in Gruppe, freie Bewegung zwischen Liege-, Fress- und Tränkeplätzen. Aus Tier- Wohlfahrts-Sicht oft die beste Lösung — aber nicht jeder Stallbetreiber bietet das.
Was deckt die Versicherung?
- Pferdekrankenversicherung (Vollschutz): deckt Kolik- Diagnostik, Atemwegs-Behandlung, Magenspiegelung, Magenschutz- Medikation.
- Pferde-OP-Versicherung: bei OP-pflichtiger Kolik in der Aufstallungs-Phase.
- Pferdelebensversicherung: bei Tod durch Aufstallungs-Kolik mit Notfall-Tötung.
- Wartezeit-Falle: Wer im Sommer eine Versicherung abschließt, hat im Herbst die Wartezeit oft noch nicht erfüllt.
Mythen und Fehler
- „Pferde gewöhnen sich schnell um": Manche ja, viele nicht. Wer keine Probleme erlebt, hat oft Glück gehabt — nicht Beweis, dass abrupte Umstellung unproblematisch ist.
- „Einstreu-Stroh ist immer am besten": Bei Pferden mit Atemwegsproblemen ist Holz-Span oder Pellets oft besser. Stroh fressen kann zu Verstopfungs-Kolik führen.
- „Im Winter braucht das Pferd weniger Bewegung": Falsch. Im Gegenteil — Bewegung ist im Winter wichtiger gegen Steifheit und Kolik.
- „Kraftfutter wegen weniger Bewegung weniger": Stimmt nur bei Pferden mit reduziertem Energiebedarf. Sport-Pferde brauchen oft im Winter mehr Energie für Wärmehaltung.
