Was passiert beim Fellwechsel?
Pferde wechseln zweimal jährlich ihr Fell — typisch von Februar bis Mai (Sommerfell) und von September bis November (Winterfell). Auslöser ist die Tageslichtlänge (Photoperiodismus), nicht direkt die Temperatur. Der Fellwechsel ist energetisch aufwändig: Haarwurzeln werden umgebaut, neues Fell muss wachsen, alte Haare ausfallen. Der Stoffwechsel des Pferdes läuft auf Hochtouren.
Was Pferde im Fellwechsel brauchen
Energie und Eiweiß
- Erhöhter Eiweißbedarf: Haar besteht zu großen Teilen aus dem Eiweißbaustein Keratin. Hochwertiges Heu, Luzerne, oder ggf. Eiweißkonzentrate (Soja, Bierhefe) helfen.
- Energiedichte anpassen: bei aktiven Pferden Kraftfutter eventuell leicht erhöhen, bei Übergewichtigen nicht — der Fellwechsel allein rechtfertigt kein Mästen.
Mineralien und Vitamine
- Zink: wichtig für Hautgesundheit und Haarbildung — Mangel führt zu mattem Fell und schlechter Wundheilung.
- Kupfer: ergänzt Zink-Stoffwechsel.
- Selen + Vitamin E: für Muskel- und Zell-Gesundheit. Aber Vorsicht: Selen-Überdosierung ist toxisch — Mineralfutter mit ausgewogenem Verhältnis wählen, nicht selbst experimentieren.
- Biotin: unterstützt Fell- und Hufqualität.
- Omega-3-Fettsäuren: z.B. Leinöl — gut für Hautgesundheit.
Pflege
- Tägliches Putzen mit Striegel und Kardätsche — unterstützt den Fellwechsel und macht das Pferd schneller fertig. Ist auch Massage und Bonding-Zeit.
- Bei nasskaltem Wetter: Pferd nicht nass im Stall stehen lassen. Halbtrocknen, Decke nur wenn nötig.
- Bewegung hält den Stoffwechsel aktiv und unterstützt den Fellwechsel.
Wann der Fellwechsel auffällig ist
Der Fellwechsel kann auch auf Krankheiten hinweisen. Diese Anzeichen sollten tierärztlich abgeklärt werden:
Cushing-Syndrom (PPID)
Das Cushing-Syndrom (Pituitary Pars Intermedia Dysfunction, PPID) ist eine hormonelle Erkrankung älterer Pferde. Typisches Anzeichen: verzögerter oder unvollständiger Fellwechsel — das Pferd behält sein Winterfell auch im Sommer (Hirsutismus).
- Gelocktes, langes Fell auch im Sommer
- Vermehrtes Schwitzen (vor allem nachts)
- Wiederkehrende Hufrehe ohne Fütterungs-Erklärung
- Gewichtsverlust trotz guter Fütterung
- Trinkmenge erhöht, häufiges Urinieren
- Anfälligkeit für Infekte
Bei Verdacht: Tierarzt. Diagnostik per ACTH-Test (oft im Spätsommer/Herbst aussagekräftiger). Therapie mit Pergolid (Prascend) gut wirksam, lebenslang. Frühe Diagnose verhindert schwere Hufrehe-Schübe.
Equines Metabolisches Syndrom (EMS)
Übergewicht + Insulin-Resistenz. Im Fellwechsel oft sichtbar an: Fettdepots am Hals (Mähnenkamm), an der Schulter, am Schweifansatz. Hufrehe-Risiko deutlich erhöht — vor allem im Frühjahr beim Anweiden.
Mineralstoffmangel
Mattes, struppiges Fell trotz Pflege, lange Fellwechsel-Phase, brüchige Hufe — Hinweise auf Mineralien-Mangel. Mineralfutter prüfen, Blutbild beim Tierarzt sinnvoll.
Wurmbefall
Stumpfes Fell, schlechter Allgemeinzustand, dicker Bauch — Hinweise auf Wurmbefall. Im Fellwechsel besonders sichtbar, weil das Stoffwechselsystem belastet ist. Kotprobe statt Schema-F-Wurmkur.
Versicherungs-Aspekte
- Pferdekrankenversicherung (Vollschutz): deckt Cushing-Diagnostik und langfristige Pergolid-Therapie. Bei Verdacht frühzeitig Tierarzt — Diagnose vor Vertragsabschluss bedeutet meist Vorerkrankungs-Ausschluss.
- Pferdelebensversicherung: Bei Cushing-bedingter Hufrehe mit Notfall-Tötungs-Indikation greift die Police. Aber: bekannte Cushing-Diagnose schließt manche Tarife aus.
- OP-Versicherung: bei Cushing selten relevant — keine OP-Therapie.
Mythen und Fehler
- „Ein Pferd im Fellwechsel braucht doppelt so viel Futter": Falsch — der Mehrbedarf ist moderat (5-15 % bei aktiver Phase). Wichtiger ist Qualität, nicht Menge.
- „Decke beschleunigt den Fellwechsel": Stimmt nur bei dauernder Decke (Sportpferde). Im normalen Stall ist Decke nicht nötig — der Fellwechsel läuft physiologisch ab, Tageslicht steuert.
- „Bierhefe ist das Wundermittel": Bierhefe enthält B-Vitamine und Eiweiß — gut, aber kein Allheilmittel. Mineralfutter ist wichtiger.
- „Cushing-Pferde dürfen nicht aufs Gras": Differenziert: stark-zuckerreiches Frühjahrsgras ja problematisch, magere Bewegungsweide oft unproblematisch. Tierarzt fragen.
