Welche Insekten sind die Problem-Macher?
- Gnitzen (Culicoides): winzige, dämmerungsaktive Mücken aus der Familie der Bartmücken (Ceratopogonidae). Sie sind der Hauptauslöser des Sommerekzems und saugen vor allem an Mähnenkamm, Schweifrübe und Bauchnaht.
- Kriebelmücken (Simuliidae): kleine, schwarze, tagaktive Insekten, deren Larven in schnell fließenden Gewässern leben — ein anderes Insekt als die Gnitze. Sie stechen bevorzugt an Ohren, Kopf und Bauchnaht und hinterlassen punktförmige, blutig- krustige Läsionen; das Sommerekzem können sie mitverstärken.
- Bremsen: große Stechfliegen, schmerzhafte Stiche, aktiv tagsüber bei Sonne. Übertragen Erreger (z.B. EIA in Endemiegebieten).
- Stechmücken (Aedes, Culex): abends und nachts. Übertragen West-Nil-Virus — die StIKo Vet (Ständige Impfkommission Veterinärmedizin) empfiehlt eine Impfung insbesondere in betroffenen oder gefährdeten Regionen. Keine bundesweite Impfpflicht.
- Stechfliegen (Stomoxys): tagsüber im Stall, beißen Beine und Bauch. Verursachen Unruhe, Schweifschlagen.
- Wadenstecher und Lästlinge: Augen-Bereich, fördern Bindehautentzündung.
Kriebelmücke beim Pferd — Symptome, Ohren und Schutz
Die Kriebelmücke (Simuliidae) wird umgangssprachlich oft mit der Gnitze gleichgesetzt, ist aber ein eigenes Insekt: klein, schwarz, tagaktiv und an schnell fließenden Gewässern brütend. Anders als die dämmerungsaktive Gnitze — den eigentlichen Hauptauslöser des Sommerekzems — sticht sie vor allem tagsüber und bevorzugt dünn behaarte Körperstellen.
Symptome — warum vor allem die Ohren?
Bevorzugte Stichstellen sind die Innenseite der Ohren sowie Kopf, Hals und die Bauchnaht. Als sogenannte Poolsauger reißen Kriebelmücken mit gesägten Mundwerkzeugen eine kleine Wunde und saugen das austretende Blut — typisch sind punktförmige, zentral blutig-krustige Läsionen, besonders am Ohrrand und in der Ohrmuschel. Häufige Reaktionen:
- gerötete, geschwollene Einstichstellen mit blutigen Krusten (vor allem an den Ohren)
- Quaddeln und lokale Ödeme mit starkem Juckreiz
- Kopfschütteln und Scheuern — häufig nach Ohrstichen beobachtet
- bei starkem Befall Sekundärinfektionen durch Aufkratzen
Schutz gegen Kriebelmücken
- Fliegenmaske mit Ohrenschutz: der wirksamste Schutz genau für die Ohr-Prädilektion.
- Pyrethroid-Repellents (z. B. Permethrin) als Pour-on oder Spray — Wirkdauer begrenzt, daher regelmäßig auffrischen.
- Weiden fern von schnell fließenden Gewässern: dort entwickeln sich die Larven.
- Aufstallung zu den Hauptflugzeiten (morgens und abends) bei starkem Befall.
- Bei entzündeten Ohren lindern tierärztlich verordnete, kurzwirksame Glukokortikoide Juckreiz und Schwellung.
Was wirklich hilft
1. Stallhygiene und Umgebung
- Mist-Management: tägliches Misten, Mist nicht in Stallnähe lagern. Frischer Pferdeapfel ist Brutstätte für Stechfliegen.
- Stehende Wässer beseitigen: alte Eimer, verstopfte Regenrinnen, Tränken-Überläufe — Mücken-Larven brauchen Wasser.
- Stallventilatoren: Luftbewegung > 1 m/s vertreibt Mücken. Decken-Ventilatoren in Boxen sehr effektiv.
- Insektenschutzgitter an Fenstern, besonders Stall- Eingang.
2. Decken und Masken
- Ekzemerdecken: bedecken Hals bis Kruppe, Bauchlatz. Engmaschiges Gewebe, damit Gnitzen nicht durchstechen können. 120-300 €.
- Fliegenmasken: mit Ohrenschutz, ggf. Nüstern-Fransen. Wichtig bei Pferden mit empfindlichen Augen oder Headshaking.
- Bein-Beinlinge: bei Stomoxys-empfindlichen Pferden, schützen Fesselbeuge vor Stechfliegen.
- Pflege der Decke: regelmäßig waschen — eine schmutzige Ekzemerdecke schützt schlechter und reibt scheuernde Stellen wund.
3. Repellents (Sprays und Roll-ons)
- Wirkstoffe: Icaridin, DEET, Permethrin (in Tierarzneimitteln), pflanzliche Mittel mit Geraniol oder Citriodiol. Wirkdauer 2-6 Stunden je nach Mittel und Schweißbildung.
- Vor dem Reiten: Sattelgurt-Bereich freilassen, sonst Hautreizung. Empfindliche Pferde reagieren auf Permethrin allergisch.
- Pflanzliche Mittel (Citronella, Lavendel, Niem): mildere Wirkung, weniger Wirkdauer, oft besser verträglich.
4. Weide-Management
- Aktivitätszeiten meiden: Gnitzen — die Auslöser des Sommerekzems — sind vor allem in der Dämmerung aktiv; empfindliche Pferde dann in den Stall. Kriebelmücken stechen dagegen tagsüber, hier hilft vor allem Ohren- und Kopfschutz.
- Windexponierte Weiden sind besser als geschützte Plätze (Mücken meiden Wind).
- Abstand zu Wasser: Weiden in Bach- oder Teichnähe sind Mücken-intensiv. Wenn möglich höher gelegene Weiden wählen.
Sommerekzem — wenn es chronisch wird
Sommerekzem ist eine allergische Reaktion (Typ-I-Hypersensitivität) auf den Speichel der Gnitze (Culicoides). Häufige Symptome:
- Mähnenkamm und Schweifrübe sind kahl gescheuert, krustig
- Pferd reibt sich an Bäumen, Boxen-Wänden, Zaunpfosten
- Bauchnaht entzündet, hörbares Schwanzschlagen
- Sekundäre Infektionen — eitrige Stellen, Pilzbefall
- Verhalten: gereizt, unkonzentriert beim Reiten
Therapie-Optionen
- Konsequente Expositions-Vermeidung (Ekzemerdecke, Stall in Dämmerung) — wichtigste Maßnahme.
- Lokale Therapie: Zink-Salben, Aloe-Vera-Lösung, Tannin-haltige Lotionen.
- Cortison (Tierarzt-verordnet) bei akuten Schüben — systemisch oder lokal. Hilft schnell, langfristige Anwendung problematisch.
- Hyposensibilisierung mit Allergen-Extrakt — neuere Therapieform, wirkt bei manchen Pferden, langwierig (1-3 Jahre).
- Futterzusätze (Bierhefe, schwarzkümmelhaltige Mittel, Omega-3-reiche Öle) — unterstützend, keine Heilung.
West-Nil-Virus — was beachten
Seit 2018 in Deutschland nachgewiesen, übertragen von Stechmücken. Bekannte Risiko- und Beobachtungsgebiete (Stand 2026): vor allem Berlin, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern. Die Ständige Impfkommission Veterinärmedizin (StIKo Vet) empfiehlt die Impfung gegen West-Nil-Virus insbesondere in betroffenen oder gefährdeten Regionen — eine allgemeine bundesweite Impfpflicht besteht nicht. Symptome bei Pferden können Fieber, Bewegungsstörungen und Lähmungen sein; Verläufe können tödlich enden. Bei konkretem Verdacht oder Impfentscheidung: behandelnden Tierarzt fragen.
Was deckt die Versicherung?
- Pferdekrankenversicherung (Vollschutz): deckt Sommerekzem-Behandlung — Tierarzt, Salben, Cortison, ggf. Hyposensibilisierung. Bei chronischem Sommerekzem laufende Kosten 200-800 € pro Saison möglich.
- Wichtig — Vorerkrankungs-Ausschluss: Wenn das Pferd schon eine Sommerekzem-Diagnose hat, schließt die Versicherung Sommerekzem oft als Vorerkrankung aus. Vor der ersten Saison abschließen!
- West-Nil-Impfung: Manche Tarife schließen WNV-Folgen aus, wenn die empfohlene Impfung versäumt wurde. AVB prüfen.
- Pferde-OP-Versicherung: bei Sommerekzem nicht relevant. Bei WNV-Komplikationen mit OP-Notwendigkeit greift sie theoretisch — selten praktisch relevant.
- Pferdelebensversicherung: bei Tod durch WNV-Komplikationen oder schweres Sommerekzem mit Notfall-Tötung- Indikation.
Mythen und Fehler
- Knoblauch im Futter wirkt nicht — alte Stallweisheit, wissenschaftlich nicht belegt. Im Gegenteil: hohe Mengen sind gesundheitsschädlich (Heinz-Body-Anämie).
- Schwefel im Futter ebenfalls nicht wirksam.
- Ein einmaliges Spray reicht für den Tag — falsch. Wirkdauer der meisten Produkte 2-6 h, bei Schweißbildung kürzer.
- Wenn das Pferd kein Ekzem zeigt, brauche ich keinen Schutz— falsch. Manche Pferde leiden ohne sichtbare Hautreaktion an Bremsen-Stress; Repellents reduzieren generell den Insekten-Stress.
